Veränderungen 2: Was können wir aus der Trauerarbeit über Veränderungen lernen?
Eine wesentliche Perspektive, die mein Verständnis von tiefgreifenden Veränderungsprozessen grundlegend geändert hat, ist der Vergleich mit Trauer. Viele Menschen kennen Trauermodelle, die verschiedene Phasen beschreiben: Schock, Sehnsucht und Suche, Desorganisation und Reorganisation. Diese Modelle sind wissenschaftlich umstritten. Trotzdem helfen sie, Veränderungsprozesse zu verstehen.
Menschen regulieren ihre Emotionen nicht allein. Andere Menschen und Organisationen regulieren unsere Emotionen mit. Wenn wir sie verlieren oder tiefgreifende Änderungen erleben, kostet uns das viel Energie. Es löst komplexe Emotionen aus: Schock, Wut, Sehnsucht und Desorganisation – wie in einem Trauerprozess. Deshalb fühlt es sich manchmal an, als würde ein Teil von uns fehlen, wenn eine geliebte Person nicht mehr da ist.
Bei Veränderungen in Organisationen ist das Gefühl oft nicht so stark wie beim Verlust einer nahestehenden Person. Trotzdem können starke Änderungen intensive Emotionen auslösen – besonders bei engagierten und hoch identifizierten Mitarbeiter*innen. Es gibt einen eindrücklichen Gedanken: Trauer ist der Preis für Engagement. Wenn uns etwas wichtig ist, wir uns begeistern und Energie investieren, dann müssen wir beim Verlust dieses Zustandes durch eine Phase der Trauer gehen, um uns neu zu regulieren.
Manisch - depressive Dynamik der Veränderung
Anfang letzten Jahres begleitete ich ein kleineres Industrieunternehmen. Der Geschäftsführer hatte gewechselt und der neue CEO krempelte das Unternehmen konsequent um. Der Erfolg gab ihm recht: Das Unternehmen gewann nach Jahren wieder neue Aufträge und neue Kund*innen. Es wuchs deutlich und konnte so vor einer drohenden Insolvenz gerettet werden. In Workshops mit der Stammbelegschaft sollten die neuen Mitarbeiter*innen ins Team integriert werden. Nach zwei Terminen gab es kaum Bewegung. Die Gruppe nahm wenig von dem auf, was ich sagte. Der neue Geschäftsführer wurde ungeduldig. Er überlegte, einzelne Personen zu entlassen, die wie gelähmt wirkten.
Für diejenigen, die Wandel vorantreiben, wirken die Veränderungsunwilligen wie depressive Patient*innen – ohne Kraft und Energie, um sich am Prozess zu beteiligen. Umgekehrt wirken die Treiber des Wandels auf die Stammbelegschaft wie manische Personen – mit fantastischen Zukunftsvisionen und großen Worten, die aus deren Sicht nie umsetzbar sind. Diese manisch-depressive Dynamik kennt man auch aus dem Trauerprozess: Auf der einen Seite tiefe Traurigkeit, auf der anderen Seite die berechtigte Haltung: "Das Leben muss weitergehen".
In Unternehmen geht es darum, diese verschiedenen Pole zu vereinen. In meinem Fallbeispiel waren sie besonders stark ausgeprägt. Ich hielt inne und reflektierte: In mir war ein starkes Gefühl präsent, dass ich gar nicht wusste, was ich mit der Gruppe wollte. Ich schloss daraus: Ein Großteil der Führungskräfte wusste selbst nicht, was sie wollten. Sie waren gefangen zwischen der Realität des notwendigen Wandels und der gewohnten Vergangenheit. Ich teilte mein Gefühl und meine Interpretation mit der Gruppe. Wir sprachen über die Sorgen und Ängste vor der grundlegenden Veränderung. Alle konnten aber auch sehen, dass die Veränderung nötig war. So kamen wir aus den Emotionen der Ziellosigkeit, Angst und Ohnmacht heraus. Wir fanden wieder einen positiven Fokus, aus dem sich langsam die Kraft für die Veränderung entwickelte.
Trauerarbeit bei Veränderung in Organisationen - einige Ideen
Im Folgenden habe ich einige Methoden zusammengetragen, die bei tiefgreifenden Veränderungsprozessen in Organisationen hilfreich sein können. Sie verbinden die beiden Pole der manisch-depressiven Dynamik der Trauer.
1. Raum für den Abschied schaffen: Schaffen Sie bewusst Gelegenheiten, um das Alte zu würdigen, bevor das Neue eingeführt wird. Das funktioniert auch bei kleinen Dingen wie einer Software oder einem Fahrzeug. Sprechen Sie einfach bewusst darüber. Laden Sie Menschen ein, ihre Verlusterfahrungen im Wandel zu teilen – individuell oder gemeinsam.
2. Emotionen benennen und zulassen: Sie müssen nicht auf jede Emotion reagieren. Interpretieren oder beruhigen Sie nicht sofort. Halten Sie die Gefühle aus und erkennen Sie sie an („Ja, da ist Schmerz – das darf sein.").
3. Kein „Trostpflaster-Change: Betonen Sie nicht sofort „Chancen" und „Neubeginn". Würdigen Sie erst die Uneindeutigkeit und Ambivalenz im Übergang – denn die sind für die Mitarbeiter*innen ohnehin spürbar.
4. Übergangsräume definieren: Klären Sie, was vom Alten mitgenommen wird und was verabschiedet wird. Gestalten Sie bewusst Übergangsphasen – Zeiten, in denen das Alte nicht mehr gilt, das Neue aber noch nicht da ist. Nutzen Sie dafür zeitlich begrenzte Übergangsrollen, „Übergangsmanager" oder Reflexionsräume für Zwischenzustände.
Generell sind Gespräche und Supervision hilfreiche Mittel, um Veränderungen zu verarbeiten. Trotzdem habe ich erlebt, dass manche Mitarbeiter*innen emotional stark unter Veränderungen im Unternehmen leiden. Die Ursachen dafür liegen oft außerhalb des Arbeitsumfelds. In solchen Fällen kann es zum Verlust von Mitarbeiter*innen kommen. Das ist besonders schmerzhaft, denn langfristige Mitarbeiter*innen sind wertvoll: Sie bringen Wissen mit und wirken als sozialer Klebstoff im Team. Manchmal ist es jedoch realistischer, neue Mitarbeiter*innen in die veränderte Struktur einzuarbeiten, als alle Energie auf die Emotionen einer bestehenden Person zu konzentrieren. Der Grund: Manche Menschen schaffen es nicht, ihre Trauer im neuen Umfeld zu verarbeiten.
Danke fürs Lesen!
Quellen
Avis, K. A., Stroebe, M., & Schut, H. (2021). Stages of grief portrayed on the internet: A systematic analysis and critical appraisal. Frontiers in Psychology, 12, 772696. [https://doi.org/10.3389/fpsyg.2021.772696](https://doi.org/10.3389/fpsyg.2021.772696)
Maciejewski, P. K., Zhang, B., Block, S. D., & Prigerson, H. G. (2007). An empirical examination of the stage theory of grief. JAMA: The Journal of the American Medical Association, 297(7), 716–723. [https://doi.org/10.1001/jama.297.7.716](https://doi.org/10.1001/jama.297.7.716)
Parkes, C. M. (2010). Bereavement (4th edition): Studies of grief in adult life. Penguin Books.



