Veränderungen Teil 1: Wie begleitet man Veränderungen?
Die Begriffe „Change Management“ und „Transformation“ lösen bei viele Menschen in Organisationen schlechte Laune aus. Zu kaum einem Thema gibt es so viele Bücher und Meinungen wie zu Veränderungen in Organisationen – besonders wenn man VUCA oder Agilität dazunimmt. Im Kern geht es um Veränderungen im Unternehmen Die zentrale Aussage lautet: Veränderung ist immer. In diesem Text konzentriere ich mich auf die drei essenziellen Aspekte jeder Veränderung – nicht auf die vielen verschiedenen Modelle.
1. Das Gehirn mag keine Veränderungen.
Egal, welche Methode Sie nutzen werden, es gilt: Unser Gehirn mag keine Veränderung. Es arbeitet am liebsten mit bekannten Mustern, um Energie zu sparen und Handlungen vorherzusagen. Immer wenn sich Dinge verändern, müssen wir uns mehr bewegen oder es müssen sich neue Hirnstrukturen bilden. Das Gehirn stellt dafür zusätzliche Energie bereit. Dieses Bereitstellen ist nichts anderes als Stress und das löst es im Unternehmen aus. Deshalb wird es Widerstand geben, weil das eine natürliche Reaktion ist. Was sich daraus für mich ergibt, ist vor allem eine Information für die Verantwortung für das Begleiten der Veränderung. Wer die Veränderung möchte, ist verantwortlich für den Prozess.
Menschen wehren sich oft gegen Veränderungen, selbst wenn diese langfristig besser für sie sind. Wichtig ist: Präsenz zeigen und die Emotionen der Gruppe aufnehmen und regulieren. Das heißt nicht, dass Mitarbeiter*innen eine Ausrede haben, Änderungen, die formal festgelegt werden, einfach nicht mitzugehen. Aber oft werden Änderungen beschlossen und kommuniziert, ohne dass jemand die Verantwortung für den Prozess übernimmt. Es passiert auch oft, dass die Verantwortung auf eine „Strohperson“, etwa Unternehmensberater, übertragen wird. Sie soll den Prozess leiten, hat aber eigentlich keine wirklichen Befugnisse. Fehlt diese klare Verantwortung, wird unser Gehirn nervös und sucht Fluchtwege. Die Verantwortung muss von denen übernommen werden, die die Änderung wirklich wollen. Sie kann nicht delegiert werden – schon gar nicht an externe Firmen.
Widerstände sind ein Zeichen dafür, dass Sie tatsächlich etwas verändern. Sind alle einverstanden, gab es vielleicht gar keine echte Änderung. Für die verantwortliche Person ist dieser Widerstand möglicherweise schwer auszuhalten und kostet wirklich Energie. Hier können externe Berater wie ich sinnvoll unterstützen. Ich unterstütze Entscheider*innen dabei, den Widerstand a.) als ein Zeichen zu begreifen, dass sich etwas bewegt, und b.) sich bewusst zu machen, dass es die Aufgabe und Verantwortung der Person, die Veränderung möchte, ist, für diese Prozesse Kraft zu haben.
2. Gespräche führen
Das Wichtigste für erfolgreiche Veränderungen ist: sprechen. Über das, was geplant ist, welche Freiräume es gibt und wie der Prozess abläuft. Kommunikation fördert Verständnis und deckt blinde Flecken auf. Die Verantwortlichen müssen diese Gespräche selbst führen oder zumindest dabei sein. Sie sollten nicht delegiert werden. Man kann sich das wie einen leeren Raum im Kopf vorstellen. Je mehr Informationen wir über den Prozess haben, desto mehr füllt sich dieser Raum mit der Wirklichkeit. Wenn Menschen nicht eingebunden werden und nicht wissen, was passiert, interpretieren sie. Das bedeutet, Gehirn trifft dann Vorhersagen und füllt den Raum mit vergangenen Erfahrungen statt mit der Realität. So entstehen unrealistische Ängste und Sorgen, Gespräche können diese abbauen oder von vornherein vermeiden.
Wichtig ist auch: Die Gesprächsergebnisse sollten nachvollziehbar dokumentiert werden. Ich mache mich manchmal über Coaches lustig, die nur mitschreiben, was gesagt wurde – auf Flipcharts oder Karteikarten. Aber Gedanken aufzuschreiben – oder besser: zu visualisieren – schafft Klarheit, Verbindlichkeit und Transparenz. Das funktioniert auch digital: auf einem Whiteboard oder durch eine KI-Zusammenfassung des aufgezeichneten Gesprächs. So lassen sich die Ergebnisse besser mit anderen teilen und besprechen.
Das klingt in der Theorie nachvollziehbar. Doch warum werden in der Praxis diese wichtigen Gespräche oft nicht geführt?
- Angst vor der Veränderung durch Gespräche: Gespräche zwingen uns, eigene Annahmen zu hinterfragen. Das gilt für beide Seiten. Ein Gespräch kann bedeuten, dass wir unser Veränderungsvorhaben anpassen müssen. Das wissen wir – oft unbewusst – und vermeiden deshalb die Konfrontation. → Mögliche Lösung: Stellen Sie sich die Veränderung als Fassade vor – Sie sehen nur die Vorderseite. Erst durch Gespräche mit anderen können Sie dahinter schauen. Je mehr Gespräche Sie führen, desto besser verstehen Sie, was wirklich dahintersteckt.
- Angst vor der Reaktion des Gegenübers: Oft erscheint uns die Reaktion anderer unberechenbar. Wir befürchten, sie durch unsere Aussagen zu verletzen. → Mögliche Lösung: Visualisieren Sie den Nutzen der Veränderung. Das aktiviert positive Emotionen und erleichtert schwierige Gespräche.
- Es gibt Dinge, über die wir nicht mit anderen sprechen: Bei sensiblen Themen wie Unternehmensverkauf oder Fusion können Prozesse nicht offen besprochen werden. Das ist nachvollziehbar für alle Beteiligten. Es ist aber wichtig, den richtigen Zeitpunkt nicht zu verpassen, um andere einzubeziehen. In diesen Momenten der Wahrheit müssen alle relevanten Personen rechtzeitig informiert werden. → Mögliche Lösung: Legen Sie sich klare „Wenn-Dann“-Regeln fest, um an kritischen Punkten niemanden zu vergessen (etwa: „Wenn wir den Letter of Intent unterzeichnen, informiere ich Person X“).
Diese Ängste sind präsent, – manchmal einzeln, manchmal bewusst, oft aber unausgesprochen. Trotzdem gilt: Das Gespräch zu führen ist alternativlos!
3. Zeit am Anfang ist besser investiert und wird unterschätzt
Ein häufiger Fehler bei Veränderungsvorhaben: Am Anfang wird zu wenig Zeit eingeplant. In jedem Veränderungsprozess entstehen unvorhergesehene Probleme. Je früher alle Beteiligten ein gemeinsames Verständnis entwickeln, desto besser können sie diese Probleme lösen. Fehlt dieses gemeinsame Verständnis, können kleine Probleme den gesamten Veränderungsprozess gefährden. Deshalb ist es wichtig, sich zu Beginn Zeit für vorbereitende Gespräche zu nehmen. Faustregel: Bevor Sie einen Workshop oder eine Besprechung über Veränderungen durchführen, sollten Sie doppelt so viel Zeit für Vorgespräche mit den Beteiligten einplanen.
Danke fürs Lesen!
Quellen
Barrett, L. F. (2021). Seven and a half lessons about the brain. Picador.
Kühl, S., & Muster, J. (2018). Designing organizations: A very brief introduction. Organizational Dialogue Press.
Obholzer, A., & Roberts, V. Z. (Hrsg.). (2019). *The unconscious at work: A Tavistock approach to making sense of organizational life* (2. Aufl.). Routledge Member of the Taylor and Francis Group.


